8.5.2007

*******************************************************************************
Name:    Seich -Pisinski
Vorname: Jean-Luc, Literaturkritiker
Strasse:
Plz:    
Wohnort:
Fax:    
Telefon:
eMail:  
B1:      Abschicken

Bemerkungen:

Sehr geehrte Damen und Herren vom Amtsrichterverband,

nachdem ich in meiner Eigenschaft als Literaturkritiker in den letzten Jahren Ihre unbeholfenen Versuche, Satiren zu schreiben, eher mit Unwillen zur Kenntnis genommen habe, komme ich nunmehr nicht umhin, Ihnen auch ein wenig Lob zu zollen, da Sie in den letzten Wochen gleich zwei Satiren veröffentlicht haben, die mich hoffen lassen, dass Ihre bisherigen Schreiberlinge entweder dazugelernt haben oder aber Ihr Verein durch vielversprechende neue Talente bereichert wurde.

Bereits die Satiren über den imaginären Präsidenten des Amtsgerichts Dortmund (Satire 1 Satire 2) ließen mich aufhorchen: Wie hier der Verfasser der Satiren den Präsidenten in kalter Arroganz das aussprechen ließ, was die meisten seiner präsidialen Kollegen über die ihnen ausgelieferte Richterschaft tatsächlich denken, das hatte Charme, das hatte Biss, kurzum, es charakterisierte die deutschen Gerichtspräsidenten besser als Ihre sonst üblichen Brandschriften.

Aber bei weitem übertroffen wird dies durch Ihre nun veröffentlichte Satire über einen imaginären Direktor eines nordrhein-westfälischen Amtsgerichts.
Wundervoll, wie hier in wenigen Worten die ganze verschrobene, von Standesdünkeln und Arroganz geprägte Persönlichkeit eines durchschnittlichen Amtsrichters (oder Richters am Amtsgericht?) dargestellt wird, der trotz oder gerade wegen seiner massiven Standesdünkel unter entsetzlichen Minderwertigkeitskomplexen leidet, will er doch seinen naserümpfenden Kollegen von den Land– und Oberlandesgerichten beweisen, dass er auch ein Richter ist, weiß doch aber zugleich, dass er deren Ansprüchen nie gerecht werden kann.
Und dann der versteckte Hinweis, dass die Art zu schreiben Rückschlüsse auch auf die Persönlichkeit und das Privatleben des Verfassers erlaubt, wenn nicht gar gebietet, das gefällt.
Ich komme ins Schwärmen, wenn ich beispielhaft einige besonders gelungene Passagen interpretiere:
Bereits der Streit um des Kaisers Bart: „Amtsrichter“ dürfe man nicht sagen, weil ein Teil der hochnäsigen Bekannten des imaginären Herrn Direktors, der, wie gesagt, eigentlich angezogen ist von so viel Arroganz, diesen Begriff abschätzig gebrauchen würde.
Wohlgemerkt: Hochnäsige Bekannte vom Landgericht und vom Oberlandesgericht, nicht etwa vom Amtsgericht. Der Richter am Amtsgericht kann nämlich mit dem Begriff „Amtsrichter“ recht gut leben.
Man sieht die Damen und Herren vor sich, wie sie den Begriff „Amtsrichter“ mit hochgezogenen Brauen und gerümpfter Nase gebrauchen und in Wirklichkeit den Begriff „Dorfrichter“ denken – und dazwischen den imaginären Herrn Direktor, der jedes Mal zusammenzuckt, todunglücklich ist und trotzdem nichts unversucht lässt, diesen Herrschaften zu gefallen.
Und wie er Ihnen gerne gefallen möchte, teilt er auch gleich mit: Mit geschliffenen Formulierungen, die allemal wichtiger sind als die Sache selber, zu der man formuliert. Nicht die Formulierung hat der Sache zu dienen, sondern die Sache der Formulierung, Kunst um der Kunst willen.
Gedrechselte Sätze eines Möchtegernliteraten, der das Pech gehabt hat, am Amtsgericht zu landen, wo man diese Kunst bedingt durch die Masse der anfallenden Geschäfte nicht mehr oder nur unter großen Schwierigkeiten üben kann.

Und zu geschliffenen Formulierungen gehört selbstverständlich auch ein großer Wortschatz.
Welch psychologisch kluger Trick des Verfassers Ihrer Satire, hier den Direktor den Wortschatz anderer zählen zu lassen: 110 Worte, nicht 109 und auch nicht 111. Man sieht ihn zählen, das Ergebnis kontrollieren und schriftlich fixieren.
Es sind und bleiben 110 verschiedene Worte, die den gesamten Wortschatz des Amtsrichterverbands ausmachen. Die vornehmen Kollegen/innen von den Obergerichten werden ihm sicherlich väterlich auf die Schulter klopfen für seine Arbeit des Zählens, und man sieht es vor sich, wie der imaginäre Herr Direktor von unten ein klein wenig verlegen nach oben zu seinen klugen Freunden lächelt.

Und wie er im Brustton der Überzeugung das ausspricht, was viele Richter/Innen denken und wodurch sie sich selber die Chance auf eine effektive Interessenvertretung nehmen:
Sei niemals aggressiv, werde niemals laut, bewahre stets vornehme Zurückhaltung, sonst wird man Dich – Gott behüte! – womöglich mit einem einfältigen Gewerkschaftler vergleichen.
Gewerkschaften: Das klingt nach körperlicher Arbeit, das klingt nach Proleten, das klingt nach Agitation und Kampfbereitschaft. Selbst ein Amtsrichter sollte sich zu schade dafür sein, so unser imaginärer Direktor, Gewerkschaften etwas Positives und Nachahmenswertes abzugewinnen.
Welch ein grandioser Kunstgriff, dies den Herrn Direktor aussprechen zu lassen!
Auch hier sieht man die Poltiker förmlich vor sich, die sich köstlich darüber amüsieren, wie der imaginäre Herr Direktor sich stellvertretend für den größten Teil der Richterschaft in gezwungener Vornehmheit die Möglichkeit verbaut, tatsächlich Gehör zu finden.

Und zum guten Schluss noch einmal Begriffsjurisprudenz pur:
Eildienst, Bereitschaftsdienst, Rufbereitschaft.
Da hat er wieder etwas, der imaginäre Herr Direktor, an dem er herummäkeln kann in der für Juristen so typischen Art und Weise, um den eigentlichen Problemen aus dem Wege zu gehen.

Ich möchte zusammenfassen:
Ihrem Satiriker ist es gelungen, ein ganzes Bündel von Standesdünkeln, Minderwertigkeitskomplexen, Verschrobenheiten und anderer negativer Eigenschaften, wie die eine oder andere bei vielen Richtern zu finden sind, auf eine einzige imaginäre Richterpersönlichkeit zu fokussieren, die dann konsequenterweise genau den Brief schreibt, den Ihr Schreiber komponiert hat.
Weiter so!

Mit freundlichen Grüßen


Seich – Pisinski
Literaturkritiker